Der Kreml ruft an – und Europa stellt sich tot
Veröffentlicht von Peter Martin in Weltgeschehen · Sonntag 07 Jun 2026 · 3 Minuten
Tags: Kreml, Europa, Putin, Verhandlungspartner, Haltung, Deutschland, Gas, Außenpolitik, Kompass
Tags: Kreml, Europa, Putin, Verhandlungspartner, Haltung, Deutschland, Gas, Außenpolitik, Kompass
Putin sucht Verhandlungspartner, Europa sucht Haltung, Deutschland sucht billiges Gas – und irgendwo dazwischen sucht die Außenpolitik ihren verloren gegangenen Kompass
Es gibt Momente, da schreibt die Realität bessere Satire als jeder Kabarettist.
Da sitzt Wladimir Putin beim Petersburger Wirtschaftsforum, beantwortet stundenlang Fragen internationaler Journalisten und schafft es dabei, die politische Klasse Europas mit wenigen Sätzen aussehen zu lassen wie eine Selbsthilfegruppe für orientierungslose Geopolitiker.
Der deutsche Journalist fragt höflich nach Friedensverhandlungen.
Putin antwortet sinngemäß:
„Verhandeln? Gern. Aber mit wem eigentlich?“
Und genau dort beginnt die Tragikomödie.
Europa möchte vermitteln.
Europa möchte Frieden.
Europa möchte Russland besiegen.
Europa möchte die Ukraine bis zum letzten Ukrainer unterstützen.
Europa möchte Sanktionen verschärfen.
Europa möchte russisches Gas vermeiden.
Europa möchte bezahlbare Energie.
Europa möchte militärisch aufrüsten.
Europa möchte gleichzeitig sozial bleiben.
Europa möchte alles.
Und genau deshalb bekommt Europa am Ende nichts.
Denn Vermittler haben normalerweise eine Eigenschaft: Sie sind neutral.
Wer aber Panzer liefert, Geheimdienstinformationen austauscht, Sanktionen verhängt, Milliarden finanziert und gleichzeitig behauptet, ein unparteiischer Schiedsrichter zu sein, erinnert eher an einen Fußballschiedsrichter im Trikot einer der beiden Mannschaften.
Putin formulierte das diplomatisch.
Andere würden es als Realsatire bezeichnen.
Besonders unterhaltsam wurde es bei Gerhard Schröder.
Während in Deutschland mittlerweile schon der Verdacht russischer Freundlichkeit genügt, um gesellschaftlich auf dieselbe Beobachtungsliste wie ein Serienbrandstifter zu geraten, lobte Putin ausgerechnet den Mann, der Deutschland einst mit billigem russischem Gas versorgte.
Man muss sich das vorstellen:
In Deutschland gelten günstige Energiepreise inzwischen fast als staatsgefährdende Haltung.
Wer hingegen das Dreifache bezahlt, friert und seine Industrie ins Ausland verabschiedet, gilt als verantwortungsbewusster Demokrat.
Fortschritt kann manchmal wirklich verwirrend sein.
Noch schöner wurde es beim Thema Nord Stream.
Putin behauptet, Russland habe die Lieferungen gar nicht eingestellt.
Europa habe einfach aufgehört zu kaufen.
Das ist ungefähr so, als würde jemand sein Auto verkaufen, den Autoschlüssel wegwerfen und anschließend behaupten, das Fahrzeug sei schuld daran, dass er jetzt zu Fuß laufen müsse.
Aber die eigentliche Pointe kam zum Schluss.
Auf die Frage nach der AfD erklärte Putin, diese Partei artikuliere die Interessen vieler deutscher Bürger und der deutschen Wirtschaft.
Damit hat der russische Präsident in wenigen Sekunden etwas ausgesprochen, was deutsche Politiker mittlerweile oft nur noch hinter verschlossenen Türen sagen.
Die eigentliche Ironie besteht jedoch darin, dass nicht Putin über die Zukunft Deutschlands entscheidet.
Auch nicht Brüssel.
Auch nicht Washington.
Sondern die deutschen Wähler.
Und genau das scheint derzeit die größte Unsicherheit aller Beteiligten zu sein.
Der Kreml wirkt inzwischen erstaunlich gelassen.
Die europäische Politik dagegen erinnert immer häufiger an einen Geisterfahrer, der mit Vollgas auf der falschen Fahrbahn fährt und jeden für einen Extremisten erklärt.
Doch vielleicht wird irgendwann tatsächlich wieder verhandelt.
Vielleicht wird irgendwann wieder telefoniert.
Vielleicht wird irgendwann sogar wieder Politik gemacht, statt Pressemitteilungen zu produzieren.
Bis dahin bleibt Europa in seiner Lieblingsrolle:
Es möchte gleichzeitig Vermittler, Kriegspartei, Moralweltmeister, Energieimporteur, Exportnation und geopolitischer Gigant sein.
Das Ergebnis ist ungefähr so überzeugend wie ein Vegetarier, der ein Steakhaus eröffnet.
Und genau das ist, um Putin zu zitieren:
„Das Problem.“
Das Stück lebt davon, die Widersprüche der europäischen Politik satirisch herauszuarbeiten, ohne sich in eine einseitige Parteinahme für Russland oder gegen Russland zu begeben. Das macht die Pointe meist deutlich schärfer.
