Violet Jessop – Die unsinkbare Frau und die Frage nach dem Schicksal
Veröffentlicht von Peter Martin in Reportage · Samstag 27 Jul 2024 · 2:15
Tags: Violet, Jessop, unsinkbare, Frau, Schicksal, Lebensgeschichten, Zufall, Statistiker, Stewardess, Krankenschwester, Überlebende, Schiffsunglücke, 20., Jahrhundert
Tags: Violet, Jessop, unsinkbare, Frau, Schicksal, Lebensgeschichten, Zufall, Statistiker, Stewardess, Krankenschwester, Überlebende, Schiffsunglücke, 20., Jahrhundert
von Peter Martin
(Köpernitz, 27.07.2024)
In einer Welt, in der der Mensch dem Zufall oft mit Sinn antwortet, gibt es Lebensgeschichten, die sich aller Wahrscheinlichkeit widersetzen – Geschichten, bei denen selbst der nüchternste Statistiker nervös den Taschenrechner einpackt. Eine solche Geschichte ist die von Violet Constance Jessop, geboren 1887, gestorben 1971 – Stewardess, Krankenschwester, und – was für ein Titel – dreifache Überlebende der bekanntesten Schiffsunglücke des 20. Jahrhunderts.
Jessop war Passagierin oder Besatzung auf allen drei berüchtigten Ozeanriesen der White Star Line: der Olympic, der Titanic und der Britannic. Die Olympic rammte ein Kriegsschiff und überlebte knapp. Die Titanic – wir kennen das Ergebnis. Die Britannic explodierte im Ägäischen Meer. Violet überlebte sie alle. Nicht als Heldin mit wehenden Fahnen – sondern als schlichte Angestellte, die schlicht überlebte. Immer wieder.
Was sagt uns das? Dass sie Glück hatte? Ein besonders robustes Immunsystem gegen Eisberge, Minen und Unglücke? Oder war sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort – nur eben mehrmals?
Oder sagt es etwas über das Schicksal?
Die Idee des Schicksals ist älter als jedes Schiffsmanifest. Die Griechen nannten es Moira, die Römer Fatum, Christen sprechen von Vorsehung, Existenzialisten vom Absurdum. Was alle verbindet, ist die Frage, ob unser Leben einem verborgenen Plan folgt – oder ob wir uns auf einer Art galaktischem Dartbrett befinden, auf das die Götter, das Universum oder das Schicksal (wahlweise mit Humor, Gleichgültigkeit oder Bosheit) zielen.
Violet Jessops Leben wirkt wie ein Gegenbeweis gegen den Zufall. Wer dreimal auf einem sinkenden Ozeanriesen überlebt, der hat entweder ein Abonnement beim Schicksal – oder einen Schutzengel mit Dauerüberstunden.
Und doch war Violet selbst keine Mystikerin. Nach dem Untergang der Titanic soll sie nur lakonisch gesagt haben: „Wir haben es überstanden. Morgen geht es weiter.“ Sie schrieb ein Buch, das kaum jemand las. Keine Fernsehverträge. Kein „Promi-Trauma-Titanic-Talk“. Nur ein stilles Leben, das weiterlief.
Vielleicht ist genau das das philosophisch Faszinierende an ihr: Dass sie kein Mythos sein wollte, obwohl ihr Leben einer war. Dass sie nicht versuchte, aus ihrer Geschichte eine These über das Schicksal zu machen. Sie fuhr weiter zur See. Bis es irgendwann genug war.
Und vielleicht ist das die klügste Haltung, die man zum Schicksal haben kann: Es nicht als Plan zu deuten – sondern als Gegenüber. Als etwas, das kommt, geht, manchmal schubst und manchmal trägt. Nicht alles muss Sinn ergeben, nicht alles muss erklärt werden. Manchmal reicht Überleben als Antwort.
Respekt, Violet.
