Bahlsen, Cake & Keks – und die Bildungslücke im Kopf
Veröffentlicht von Christoph Berger in Politik · Sonntag 07 Sep 2025 · 4 Minuten
Vom englischen Sprachproblem zum deutschen Duden-Eintrag – und warum wir heute mehr über Snacks wissen als über Philosophie
Es gibt Geschichten, die sind so süß wie absurd, dass man sie für Satire halten könnte. Die Entstehung des deutschen Wortes „Keks“ gehört zweifellos dazu. Denn es war kein sprachschöpferischer Geniestreich deutscher Dichter, sondern schlicht ein Missverständnis der englischen Sprache.
Im 19. Jahrhundert brachte Bahlsen seine Gebäckware auf den Markt und wollte international wirken. Man nahm sich das englische Wort „cake“ zum Vorbild. Doch – wie das mit Sprachen nun mal so ist – die Engländer hatten ein kleines Problem: Sie verstanden „cake“ im deutschen Kontext nicht so recht, und die deutschen Konsumenten stolperten beim Aussprechen über die britische Betonung. Das „cake“ wurde kurzerhand zu „Keks“ eingedeutscht. Aus einem linguistischen Unfall wurde ein weltberühmter Begriff, der es später sogar in den Duden schaffte. Dort steht er bis heute, als sei er die Krönung deutscher Backkultur und Sprachkreativität.
Vom Sprachproblem zum Exportartikel
Ironie der Geschichte: Während die Briten mit „biscuit“ und „cookie“ hantierten, machten die Deutschen mit ihrem frisch eingedeutschten „Keks“ internationale Karriere. Aus einem Problem wurde eine Marke. Und aus einer Marke wurde ein sprachliches Kulturgut. Der Duden winkte durch, und plötzlich stand das kleine Wort „Keks“ auf einer Stufe mit Goethe, Schiller und „Schnitzel“.
Doch genau hier liegt die Pointe: Ein Land, das es schafft, einen Anglizismus so konsequent zu verunstalten, dass daraus ein eigenständiges deutsches Wort entsteht, pflegt zwar seinen Wortschatz – aber vernachlässigt seine Allgemeinbildung.
Snackkultur statt Schulbildung
Heute sieht es so aus: Jeder Schüler in Deutschland weiß, dass Bahlsen für „Leibniz Butterkeks“ verantwortlich ist. Aber wer war eigentlich Leibniz?
Philosoph, Mathematiker, Aufklärer? Oder doch nur der Typ, der den Schokokeks erfunden hat? In einer Straßenumfrage würde die Quote vermutlich zugunsten des Schokokeks bei 90/10 liegen.
„Cake & Keks“ im Supermarkt-Regal ist damit fast schon Bildungsersatz. Man lernt wenigstens ein bisschen Englisch – auch wenn „Cake“ und „Keks“ hier in einer schizophrenen Koexistenz aufeinandertreffen. Während im Klassenzimmer Vokabeltests als pure Qual gelten, rennt der deutsche Konsument freiwillig in den Supermarkt, nur um „Soft Cake“ und „Keks‘n’Cream“ zu kaufen. Wer braucht Shakespeare, wenn es Schokofüllung gibt?
Bahlsen als Ersatz für das Kultusministerium
Das deutsche Bildungssystem vermittelt noch „Schillers Glocke“, aber Bahlsen erklärt uns – ganz praxisnah – wie Sprachwandel funktioniert. Während Schüler darüber streiten, ob Bismarck 1871 den Reichstag eröffnete oder einen neuen Doppelkeks erfand, liefert Bahlsen eine viel verständlichere Geschichtslektion:
Sprache verändert sich nicht durch Lehrpläne, sondern durch Supermarktregale.
Sprache verändert sich nicht durch Lehrpläne, sondern durch Supermarktregale.
Bahlsen ist also mehr als ein Keksproduzent. Es ist der inoffizielle Sprachlehrer der Nation. Denn wenn ein Wort wie „Keks“ aus einem englischen Stolperstein entsteht und im Duden landet, zeigt das: Bildung ist in Deutschland längst ausgelagert – an die Lebensmittelindustrie.
Die Krümel der Allgemeinbildung
Während also in Klassenzimmern über Gendersternchen gestritten wird, diskutieren Kunden in der Keksabteilung über die Unterschiede zwischen „Keks“, „Cake“ und „Cookie“. Ironischerweise ist die Keksverpackung für viele Menschen zur verlässlicheren Quelle sprachlicher Weiterbildung geworden als das Schulbuch.
Ein trauriges Symbol: Die Allgemeinbildung zerbröselt wie ein Butterkeks in der Faust.
Ein trauriges Symbol: Die Allgemeinbildung zerbröselt wie ein Butterkeks in der Faust.
Summa summarum: Ich krümel, also bin ich
Die Geschichte von „Cake & Keks“ ist damit eine Allegorie auf den Zustand unserer Gesellschaft.
Ein Produktname, geboren aus sprachlicher Verwirrung, wurde zur nationalen Institution – und die Allgemeinbildung? Schrumpfte zur Fußnote im Duden.
Vielleicht sollte man die Schule gleich umbenennen: Statt „Gymnasium“ einfach „Bahlsen-Bildungszentrum“. Dort gibt es zwar keine Mathematik mehr, dafür aber praxisnahe Lektionen in Vokabular: „Keks, Cookie, Cake“.
Ein Produktname, geboren aus sprachlicher Verwirrung, wurde zur nationalen Institution – und die Allgemeinbildung? Schrumpfte zur Fußnote im Duden.
Vielleicht sollte man die Schule gleich umbenennen: Statt „Gymnasium“ einfach „Bahlsen-Bildungszentrum“. Dort gibt es zwar keine Mathematik mehr, dafür aber praxisnahe Lektionen in Vokabular: „Keks, Cookie, Cake“.
Und wer weiß: Vielleicht steht im nächsten Duden nicht nur „Keks“, sondern auch „Soft Cake“. Schließlich ist das genau der Bildungsgrad, den wir uns in Deutschland noch leisten können.
