Der Krieg, die Nerven – und die Strippenzieher in Berlin
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Freitag 06 Mär 2026 · 5 Minuten
Tags: Krieg, Nerven, Strippenzieher, Berlin, lenskyj, EU, Regierungschefs, Soldaten, Europa, geopolitischer, Nervenzusammenbruch, Deutschland, Kontrollzentrum, Eskalation
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Selenskyj droht EU-Regierungschefs mit Soldaten, Europa finanziert den nächsten geopolitischen Nervenzusammenbruch – und ausgerechnet Deutschland sitzt wieder einmal mitten im Kontrollzentrum der Eskalation
Es gibt Momente in der Politik, in denen man nicht weiß, ob man lachen oder einen Psychologen rufen soll.
Der jüngste Auftritt von Wolodymyr Selenskyj gehört zweifellos in diese Kategorie.
Während einer Regierungssitzung drohte der ukrainische Präsident dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán öffentlich damit, ukrainischen Soldaten einfach dessen Adresse zu geben – damit sie „in ihrer eigenen Sprache mit ihm sprechen“.
Diplomatie nach neuestem Standard:
Wenn ein EU-Chef nicht zahlt, ruft eben die Armee an.
Früher erledigten solche Dinge Außenminister.
Heute offenbar Infanteristen.
Der Präsident mit der diplomatischen Kurzschlussreaktion
Man muss sich diese Szene langsam auf der Zunge zergehen lassen.
Ein Staatspräsident, dessen Land vollständig von westlichen Milliarden, Waffen und politischer Rückendeckung abhängig ist, droht öffentlich einem Regierungschef der Europäischen Union.
Nicht mit Sanktionen.
Nicht mit Verhandlungen.
Sondern mit Soldaten.
Das ist ungefähr so, als würde ein Bankkunde seinem Kreditberater drohen, die Feuerwehr zu schicken, wenn der Kredit nicht schnell genug ausgezahlt wird.
Man fragt sich unweigerlich:
Ist das noch Außenpolitik – oder bereits die geopolitische Variante eines Nervenzusammenbruchs?
Denn wer so spricht, wirkt nicht wie ein kalkulierender Staatsmann.
Er wirkt eher wie ein Mann, der unter politischem Dauerstress langsam die Kontrolle über seine rhetorischen Impulse verliert.
Das alte Drehbuch der Weltpolitik
Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht in Selenskyj.
Er ist nur eine Figur in einem viel größeren geopolitischen Theaterstück.
Denn wer sich die Geschichte anschaut, erkennt ein vertrautes Muster.
Ein Muster, das seit Jahrzehnten immer gleich abläuft.
Der erste Akt beginnt fast immer im Westen.
Der zweite Akt endet irgendwo anders – meist mit Krieg.
Ein Klassiker dieses Drehbuchs ist die Cuban Missile Crisis.
Offiziell erzählte man der Welt damals eine einfache Geschichte:
Die Sowjetunion stationierte Raketen auf Kuba und bedrohte die Vereinigten Staaten.
Was man in den Geschichtsbüchern gern etwas kleiner schreibt:
Schon vorher hatten die USA Atomraketen in der Türkei stationiert – direkt an der Grenze der Sowjetunion.
Die sowjetischen Raketen auf Kuba waren also nicht der Anfang der Krise.
Sie waren die Antwort darauf.
Das Ergebnis der Krise?
Washington zog seine Raketen aus der Türkei wieder ab.
Allerdings heimlich.
Man wollte schließlich nicht riskieren, dass das offizielle Heldendrama plötzlich wie eine ziemlich peinliche Provokationsgeschichte aussah.
Das gleiche Schema im 21. Jahrhundert
Wer glaubt, diese Methode sei Geschichte, sollte sich die letzten Jahrzehnte ansehen.
Das geopolitische Drehbuch ist erstaunlich stabil geblieben:
- Iraq War – angebliche Massenvernichtungswaffen
- Dauerkrise mit dem Iran – angebliche Atomprogramme
- Krieg in der Ukraine – geopolitische Einflusszonen
Der Ablauf ist immer gleich:
Erst wird eine strategische Spannung erzeugt.
Dann reagiert die Gegenseite.
Und anschließend erklärt man der Welt, warum militärische Eskalation leider völlig unvermeidlich sei.
Der Schauspieler im geopolitischen Drama
In diesem Theaterstück spielt Selenskyj eine ganz besondere Rolle.
Der ehemalige Fernsehstar ist längst zu einer politischen Ikone geworden.
Zum moralischen Symbol.
Zum Heldenbild.
Das Problem mit Heldenbildern ist jedoch ein altes politisches Gesetz:
Je größer der Mythos, desto kleiner die Kritik.
Und je kleiner die Kritik, desto größer die Gefahr politischer Kurzschlüsse.
Wenn dann noch Milliarden und Waffen im Spiel sind, entsteht eine Mischung, die selbst stabilere Persönlichkeiten aus dem Gleichgewicht bringen kann.
Und wieder einmal: Deutschland
Doch die vielleicht ironischste Pointe dieser ganzen Geschichte liegt woanders.
Die Fäden laufen – wie so oft – wieder in Deutschland zusammen.
Deutschland finanziert.
Deutschland organisiert.
Deutschland koordiniert Sanktionen, Waffenlieferungen und politische Unterstützung.
Und während andere Länder gelegentlich versuchen, die Notbremse zu ziehen – wie etwa Ungarn – sitzt Berlin im Maschinenraum der europäischen Eskalationspolitik.
Mit moralischer Rhetorik.
Mit Milliardenüberweisungen.
Und mit einer außenpolitischen Strategie, die ungefähr so viel sicherheitspolitische Vorsicht enthält wie ein Feuerwerkskörper in einem Benzinlager.
Man könnte fast meinen, Deutschland habe aus seiner Geschichte vor allem eines gelernt:
Wie man Konflikte nicht selbst führt – aber hervorragend organisiert.
Die gefährliche Selbsttäuschung Europas
Das Tragische an der ganzen Situation ist jedoch die Illusion, unter der Europa offenbar leidet.
Die Illusion, geopolitische Konflikte ließen sich moralisch sauber sortieren.
Hier die Guten.
Dort die Bösen.
Und irgendwo dazwischen Milliardenkredite, Sanktionen und militärische Drohgebärden.
Doch Geschichte funktioniert nicht nach moralischen Drehbüchern.
Sie funktioniert nach Machtinteressen.
Die entscheidende Frage
Und genau deshalb sollte man eine Frage stellen, die derzeit erstaunlich selten gestellt wird.
Was passiert eigentlich, wenn politische Führer anfangen zu glauben, ihre Armeen seien ein legitimes Instrument diplomatischer Kommunikation?
Wenn Soldaten plötzlich „anrufen“ sollen?
Wenn Kredite mit militärischer Rhetorik eingefordert werden?
Dann ist das kein Zeichen von Stärke.
Dann ist es ein Zeichen dafür, dass Diplomatie bereits auf der Intensivstation liegt.
Und wenn man ehrlich ist, zeigt die Geschichte ziemlich zuverlässig, was als nächstes passiert.
Der nächste Akt im geopolitischen Theater beginnt.
Und Europa sitzt – wie so oft – wieder in der ersten Reihe um sich seiner Verantwortung zu entziehen.
