ORDEN, OPA UND AMNESIE
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Samstag 20 Jun 2026 · 5 Minuten
Tags: Ordnung, Opa, Amnesie, Deutschland, Erinnerungskultur, Politik, Gesellschaft, Geschichte, Gedächtnis, Erinnerung, kulturelles, Gedächtnis
Tags: Ordnung, Opa, Amnesie, Deutschland, Erinnerungskultur, Politik, Gesellschaft, Geschichte, Gedächtnis, Erinnerung, kulturelles, Gedächtnis
Wie in Deutschland die Erinnerungskultur immer genau dort endet, wo sie gerade politisch stört
Es gibt politische Skandale, die beherrschen tagelang sämtliche Nachrichtensendungen. Wenn irgendwo ein falsches Pronomen benutzt wird, ein Politiker einen missverständlichen Satz sagt oder ein Prominenter vor zwölf Jahren einen unpassenden Witz gemacht hat, rollen Sondersendungen, Expertenrunden und moralische Alarmkommissionen durch die Medienlandschaft wie eine Naturgewalt.
Und dann gibt es jene Geschichten, die plötzlich in einem merkwürdigen schwarzen Loch verschwinden.
Zum Beispiel die Geschichte, dass ausgerechnet Polen dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Oleksandrovytsj Zelenskydie höchste staatliche Auszeichnung aberkennt, weil in der Ukraine erneut eine militärische Einheit nach einer Organisation benannt wurde, die von vielen Polen als Symbol eines historischen Massenmordes betrachtet wird.
Plötzlich wird es still.
Geradezu unheimlich still in Deutschland.
Dabei müsste diese Geschichte eigentlich sämtliche Schlagzeilen dominieren.
Denn wir erleben hier etwas Bemerkenswertes:
Jahrelang wurde der Öffentlichkeit erzählt, die Unterstützung der Ukraine sei eine Frage von Demokratie, Freiheit und gemeinsamen europäischen Werten. Kritik wurde häufig reflexartig als moralisch fragwürdig dargestellt. Differenzierungen galten vielerorts als verdächtig. Wer Fragen stellte, musste oft damit rechnen, schneller etikettiert als angehört zu werden.
Und nun passiert etwas höchst Unangenehmes:
Polen, ein Land, das zu den größten Unterstützern der Ukraine gehört, erinnert plötzlich daran, dass Geschichte existiert.
Eine geradezu skandalöse Idee im Europa des Jahres 2026.
Denn Geschichte ist heutzutage offenbar keine Wissenschaft mehr, sondern ein politisches Mietfahrzeug.
Man steigt ein, wenn sie nützlich ist.
Und man steigt aus, wenn die Fahrt unangenehm wird.
Die Opfer von Wolhynien passen offensichtlich nicht besonders gut in die gegenwärtige Erzählung.
Sie stören.
Sie erinnern.
Sie fragen.
Und genau das macht sie gefährlich.
Denn die Massaker von Wolhynien sind kein Randthema irgendeines obskuren Geschichtsvereins.
Zehntausende Menschen wurden von der ukrainischen OUN ermordet.
Familien ausgelöscht.
Dörfer vernichtet.
Menschen wurden nicht wegen ihrer Taten getötet, sondern wegen ihrer Herkunft.
Das nennt man ethnische Säuberung.
Doch während in Europa ansonsten jede historische Schuld bis auf die dritte Nachkommastelle vermessen wird, scheint plötzlich ein erstaunliches Bedürfnis nach Vergessen von Nazi-Verbrechen und deren Mitläufern entstanden zu sein.
Man könnte fast meinen, Erinnerung sei keine Frage moralischer Prinzipien mehr, sondern lediglich eine Frage politischer Zweckmäßigkeit.
Besonders interessant ist dabei die Reaktion vieler Kommentatoren unserer deutschen Mainstream-/Propaganda-Medien.
Nicht die Ehrung einer umstrittenen historischen Organisation wird zum Problem erklärt.
Nein.
Das eigentliche Problem soll angeblich derjenige sein, wie der Spiegel berichtet, der darauf hinweist.
Der Überbringer der Nachricht wird plötzlich zum Täter erklärt.
Eine Methode, die sich in politischen Kreisen in Deutschland seit Jahrzehnten bewährt.
Wenn die Realität stört, bekämpft man nicht die Realität.
Die Regel moderner Geschichtspolitik in Deutschland lautet offenbar: Nicht die historischen Irrtümer sind das Problem, sondern die Menschen in Polen, die an Völkermord durch Ukrainier und an Gestalten, wie Andrij Melnyk mit zweifelhafter historischer Bilanz symbolisch in Bonnevoie in Luxemburg-Stadtwieder wieder ausgegraben, abgestaubt, durch Europa gekarrt wird und unter Trommelwirbel, Fanfarenklängen und staatlichem Pomp in der Ukraine erneut auf das Podest der nationalen Heldenverehrung gehoben und beigesetzt wurde.
Aus Geschichte wird so kein Lernprozess mehr, es wird eine politische Schönheitsoperation am Gedächtnis versucht.
Man errichtet Denkmäler gegen das Vergessen.
Und vergisst gleichzeitig in Deutschland alles, was nicht ins aktuelle Narrativ passt.
Man spricht von Aufarbeitung.
Und betreibt Auswahlverfahren.
Man fordert Erinnerung.
Aber nur die richtige.
Eine Erinnerung erster Klasse.
Für manche Opfer gibt es Staatsakte, Dokumentationen, Schulprojekte und Sonderbriefmarken.
Für andere reicht offenbar ein betretenes Schweigen.
Die politische Elite Europas wirkt dabei zunehmend wie eine Theatergruppe, die vergessen hat, dass das Publikum noch lesen und sicher erinnern kann.
Auf der Bühne wird von universellen Werten gesprochen.
Hinter dem Vorhang entscheidet der aktuelle geopolitische Nutzen darüber, welche Werte heute gültig sind.
Es ist dieselbe politische Logik, die aus Krieg plötzlich Frieden macht, aus Aufrüstung Verteidigung und aus Zensur Verantwortung.
Wörter werden nicht mehr benutzt, um Realität zu beschreiben.
Sie werden benutzt, um Realität zu ersetzen und zu vertuschen.
Wer aufmerksam hinschaut, erkennt deshalb ein größeres Problem.
Der Streit zwischen Warschau und Kiew handelt nicht nur von Geschichte.
Er handelt von Glaubwürdigkeit.
Denn jede Gesellschaft muss irgendwann entscheiden, ob historische Verbrechen grundsätzlich verurteilt werden oder nur dann, wenn es politisch bequem ist.
Entweder gilt ein moralischer Maßstab für alle.
Oder Moral wird zum Werkzeugkasten der Macht.
Viele Bürger haben längst bemerkt, dass letzteres immer häufiger geschieht.
Deshalb wächst das Misstrauen.
Nicht wegen zu vieler Informationen.
Sondern wegen zu vieler Widersprüche.
Die Menschen sehen, dass manche historische Ereignisse ununterbrochen thematisiert werden, während andere möglichst geräuschlos unter den Teppich wandern.
Sie sehen, dass bestimmte Symbole sofort Empörung auslösen, während andere mit erstaunlicher Nachsicht betrachtet werden.
Und sie sehen, dass Medien häufig nicht mehr entscheiden, was wichtig ist, sondern was wichtig sein darf.
Genau darin liegt die eigentliche Brisanz dieser Geschichte.
Nicht in einem Orden.
Nicht in einem Präsidenten und einem deutschen Bundeskanzler.
Nicht einmal in einem diplomatischen Streit.
Sondern in der Erkenntnis, dass Erinnerungspolitik zunehmend zur politischen Währung geworden ist.
Geschichte wird nicht mehr gelesen.
Sie wird verwaltet.
Sortiert.
Katalogisiert.
Freigegeben.
Oder gesperrt.
Je nachdem, wer gerade davon profitiert.
Vielleicht ist das der eigentliche Skandal.
Nicht die Aberkennung des höchsten polnischen Ordens gegenüber dem ukrainischen Präsidenten.
Sondern die Tatsache, dass ein solcher Vorgang viele Menschen überhaupt erst daran erinnert, dass es da noch eine Vergangenheit gibt, über die man lieber nicht allzu laut spricht.
Eine Vergangenheit, die nicht verschwindet, nur weil sie in Talkshows selten vorkommt.
Eine Vergangenheit, die nicht unwahr wird, weil sie politisch unbequem ist.
Und eine Vergangenheit, die irgendwann immer zurückkehrt.
Denn Geschichte hat eine unangenehme Eigenschaft:
Sie lässt sich ignorieren.
Aber nicht abschaffen.
Und manchmal genügt ein einziger entzogener Orden, um ein ganzes Gebäude aus politischer Bequemlichkeit ins Wanken zu bringen.
