Rent-a-Republik: Wie man in Deutschland Minister kauft – und Journalisten aussortiert, die keine Eintrittskarte lösen
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Mittwoch 26 Nov 2025 · 5 Minuten
Tags: Rent, a, Republik, Deutschland, Minister, kaufen, Journalisten, Lobbyisten, Abgeordnetengespräch, Systempflege, Schmierfett, Hinterzimmer, Einflussnahme
Tags: Rent, a, Republik, Deutschland, Minister, kaufen, Journalisten, Lobbyisten, Abgeordnetengespräch, Systempflege, Schmierfett, Hinterzimmer, Einflussnahme
Wenn Lobbyisten für 80.000 Euro im Hinterzimmer flüstern dürfen, aber ein Journalist ohne Verbandsstempel nicht einmal zum Abgeordnetengespräch vorgelassen wird, dann ist das kein Zufall – sondern Systempflege mit Schmierfett
Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob das deutsche Politik-Medien-Kartell überhaupt noch versucht, den Schein von Seriosität zu wahren – oder ob man inzwischen hochoffiziell beschlossen hat, die Republik in eine Art gehobenen Basarbetrieb umzuwidmen. Ein Ort, an dem die einen Minister bestellen wie andere Döner, während die anderen – also Menschen wie ich – um Einlass betteln dürfen, weil ihnen der passende Plastik-Ausweis fehlt. Ein Ausweis, wohlgemerkt, der inzwischen weniger Nachweis journalistischer Arbeit ist, als Eintrittskarte zur Innung der Wohlverhaltensschreiber.
Vor diesem Hintergrund wirkt der neue CDU-Skandal rund um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wie eine naturgetreue Fortsetzung eines schlechten Theaterstücks: „Rent a Minister – Reloaded“. Lobbyisten können Paket „Zugspitze“ oder gleich „Mont Blanc“ buchen, sich auf Podien setzen lassen und – wenn das Bargeld ausreichend klimpernd den Besitzer wechselt – sogar vertrauliche Gespräche mit Regierungsmitgliedern genießen. Man nennt es dort „Executive Night“. Ich nenne es „politisches Rotlicht ohne Erotik, aber mit derselben Preislogik“.
Und damit es auch wirklich niemand missversteht, schreibt Weimers Firma das Verkaufsargument ganz offen hin: „Einfluss auf politische Entscheidungsträger.“ Ja, man muss das gar nicht interpretieren. Es steht da, schwarz auf weiß, als würde man im Prospekt eines gut sortierten Waschsalons lesen: „Heute im Angebot: Bundesminister. Weichspüler gratis.“
Gleichzeitig gibt es Menschen wie mich, die von einem Journalisten-Verband Berlin-Brandenburg mit einer Mischung aus Arroganz und provinzieller Selbstherrlichkeit daran gehindert werden sollen, überhaupt ein Gespräch mit einem Abgeordneten zu führen. Ohne deren Abzeichen am Revers gilt man nicht als Journalist, sondern als „Publikumsstörer“ im politischen Theater. Man könnte fast lachen, wenn es nicht so erbärmlich wäre: Während Lobbyisten für 80.000 Euro eine Besprechungslounge für vertrauliche Gespräche bekommen, soll ich womöglich Eintritt bezahlen, um überhaupt zur Tür eines Abgeordnetenbüros durchzukommen, weil der Verband meint, Pressefreiheit sei eine Art Clubmitgliedschaft.
Aber damit nicht genug. Was macht die Medienlandschaft, die sich angeblich als „vierte Gewalt“ versteht? Genau das, was sie seit Jahren macht: freundlich wegsehen, den Mantel der Erklärungsweichheit über alles breiten und die offiziellen Ausreden wie Hostien verteilen. Der Spiegel, einst ein Magazin mit Rückgrat, heute eher eine Pressestelle des Regierungsviertels, übernimmt die Weimer-Erzählung, die so absurd ist, dass man sie sogar in einem satirischen Kabarettabend strenger prüfen würde.
„Es sei falsch“, sagt die Weimer-Seite, „dass man Einfluss verkaufe.“
Natürlich sei es falsch. Natürlich. So falsch wie die Behauptung, der Berliner Wohnungsmarkt sei entspannt, Friedrich Merz arbeite ehrenamtlich oder Parteienfinanzierung sei ein Ausdruck gelebter Transparenz.
Und der Spiegel nickt. Natürlich. Man könnte fast meinen, das Magazin sitzt selbst am Rand der Executive Night und hofft, dass am Ende des Abends noch ein paar Krümel vom Lobbyistenbuffet übrig bleiben. Wenn Friedrich Merz dann auch noch verkündet, alles sei „völlig normal“, muss man sich ernsthaft fragen, ob die Republik nicht längst kapituliert hat – zumindest moralisch.
Normal?
Wenn das normal ist, dann sollte ich vielleicht anfangen, für jedes meiner journalistischen Anrufe ebenfalls ein kleines Tarifverzeichnis zu verschicken:
„Gespräch zur Presseanfrage – 4.000 Euro. Exklusive Frage, diskrete Antwort – 12.500 Euro. Komplettes Interview inklusive Faktenprüfung – 60.000 Euro. Ministerkontakt? Preis auf Anfrage.“
„Gespräch zur Presseanfrage – 4.000 Euro. Exklusive Frage, diskrete Antwort – 12.500 Euro. Komplettes Interview inklusive Faktenprüfung – 60.000 Euro. Ministerkontakt? Preis auf Anfrage.“
Und weiter geht’s: Die Staatsanwaltschaft darf – wie gehabt – nichts tun, solange der Justizminister nicht grünes Licht gibt. Dieses Land hat es geschafft, Korruptionsprävention in eine Art ministerielle Erlaubnispflicht umzuwandeln. „Wir würden ja gern gegen uns selbst ermitteln, aber leider ist heute niemand da, der es freigibt.“ Ein organisatorischer Zirkelschluss, so elegant wie ein Betonklotz.
Währenddessen subventioniert die bayerische Staatsregierung Weimers Lobbyisten-Treff mit über 400.000 Euro – Steuergeld, versteht sich. Die Bürger zahlen also dafür, dass sich Lobbyisten und Politiker ungestört austauschen können, während echte Journalisten mit kritischen Fragen draußen bleiben sollen, sofern sie nicht den Segen des Journalisten-Verbands tragen.
Ich darf mir anhören: „Ohne Presseausweis ist das schwierig.“
Ach wirklich?
Wenn ich 80.000 Euro drauflege – inklusive Mehrwertsteuer –, wäre es dann weniger schwierig?
Die Ironie könnte nicht größer sein: Ein Land, das sich gern demokratisch nennt, verkauft Zugänge, Meinungen, Gesprächsrechte, Standflächen, Podien und jetzt offenbar sogar politische Nähe wie Tarifoptionen bei einer Handy-Flatrate. Und wer wirklich journalistisch arbeitet – investigativ, unbequem, unabhängig –, wird behandelt wie ein lästiger Zaungast, den man nur reinlässt, wenn er das richtige Abzeichen am Hals baumeln hat.
Der eigentliche Skandal ist daher doppelt:
Zum einen die ganz offen praktizierte Minister-Vermietung. Zum anderen die stille, aber systematische Entwertung echter Pressefreiheit durch Verbände, die sich als Gatekeeper der Demokratie inszenieren, aber letztlich nur ihre eigenen Interessen verwalten.
Zum einen die ganz offen praktizierte Minister-Vermietung. Zum anderen die stille, aber systematische Entwertung echter Pressefreiheit durch Verbände, die sich als Gatekeeper der Demokratie inszenieren, aber letztlich nur ihre eigenen Interessen verwalten.
Eine Republik, in der man Einfluss kaufen kann, aber journalistischen Zugang beantragen muss, ist keine Demokratie im klassischen Sinne – höchstens eine „Beteiligungsdemokratie“. Mit Betonung auf beteiligen, denn ohne Geld oder Verbands-Gütesiegel bleibt man eben draußen.
Doch die gute Nachricht:
Wer einmal vor der Tür stand, weiß wenigstens, dass drinnen gerade etwas passiert, das dringend ans Licht gehört. Und unabhängig davon, ob der Journalisten-Verband mich mag oder nicht – schreiben werde ich trotzdem. Und zwar so, dass man es ohne Eintrittskarte lesen kann.
Wer einmal vor der Tür stand, weiß wenigstens, dass drinnen gerade etwas passiert, das dringend ans Licht gehört. Und unabhängig davon, ob der Journalisten-Verband mich mag oder nicht – schreiben werde ich trotzdem. Und zwar so, dass man es ohne Eintrittskarte lesen kann.
