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Seine Majestät Friedrich I. von Gottes Gnaden, Kanzler aller Telefonate

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Seine Majestät Friedrich I. von Gottes Gnaden, Kanzler aller Telefonate

Sarkasmus & Satire
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Freitag 19 Jun 2026 · Lesezeit 4 Minuten
Tags: FriedrichIBundeskanzlereuropäischeGesprächserlaubnisseTelefonateOberaufseherGottesGnadenPolitikGeschichte
Wie aus dem Bundeskanzler der Oberaufseher europäischer Gesprächserlaubnisse wurde

Es gibt Politiker, die halten sich für Regierungschefs.
Es gibt Politiker, die halten sich für Staatsmänner.

Und dann gibt es Politiker, die schauen morgens in den Spiegel und entdecken dort offenbar den Generaldirektor der Weltgeschichte.

Friedrich Merz scheint in letzter Zeit gelegentlich in die letzte Kategorie zu fallen.

Anders lässt sich die tiefe Empörung kaum erklären, wenn irgendwo auf dem europäischen Kontinent ein Politiker den Hörer abnimmt und mit Russland spricht, ohne zuvor einen schriftlichen Antrag beim Kanzleramt einzureichen.

Man stelle sich die Tragödie vor.

Ein europäischer Spitzenpolitiker spricht mit Moskau.

Nicht heimlich.
Nicht nachts im Keller.
Nicht durch ein Loch im Gartenzaun.

Nein.

Ganz offiziell.

Und plötzlich bricht in Berlin die gleiche Panik aus wie im Mittelalter, wenn ein Bauer behauptete, die Erde sei rund.

Man hat fast den Eindruck, als sei das eigentliche Problem des Krieges gar nicht der Krieg.

Sondern die Frechheit mancher Menschen, miteinander zu reden.

Dabei dachte man bisher immer, Diplomatie bedeute genau das.

Reden.
Verhandeln.
Kontakt halten.
Missverständnisse vermeiden.
Konflikte entschärfen.

Welch altmodische Vorstellung.

Die moderne europäische Diplomatie funktioniert offenbar anders.

Man spricht nicht mit Gegnern.
Man spricht über Gegner.
Man spricht gegen Gegner.
Man spricht von Gegnern.

Aber mit Gegnern zu sprechen – das ist ungefähr so verdächtig wie Schwarzfahren mit einer russischen Briefmarke in der Hosentasche.
Besonders amüsant ist dabei die unterschwellige Vorstellung, Europa müsse sich offenbar an einer Art geopolitischer Leinenpflicht orientieren.

Wenn ein Politiker mit Washington telefoniert:
Verantwortungsvolle Staatskunst.

Wenn ein Politiker mit Brüssel telefoniert:
Europäische Solidarität.

Wenn ein Politiker mit der NATO telefoniert:
Wertebasierte Zusammenarbeit.

Wenn ein Politiker mit Russland telefoniert:
Alarmstufe Rot.
Verdachtsfall.
Möglicherweise sogar Hexerei.

Man wartet förmlich darauf, dass demnächst eine neue Behörde gegründet wird:
Bundesamt für unerlaubte Gespräche und staatsgefährdende Höflichkeiten.

Dort sitzen dann Beamte vor großen Bildschirmen und überwachen die Weltpolitik.

„Chef! Chef!“
„Was ist los?“

„Der Präsident eines souveränen Staates hat mit Russland gesprochen!“

„Hat er eine Genehmigung?“

„Nein!“

„Dann sofort eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrates einberufen!“

„Aber Herr Minister, es ging um Frieden!“
„Umso schlimmer!“

Denn Frieden ist heutzutage ein heikles Thema.

Wer Frieden fordert, gilt schnell als verdächtig.
Wer verhandeln will, ist problematisch.
Wer reden möchte, bewegt sich bereits im Grenzbereich des politisch Zulässigen.

Dagegen ist es völlig unbedenklich, jeden Tag neue Waffen zu liefern, neue Drohungen auszusprechen und neue Eskalationsstufen zu erklimmen.

Das nennt man Verantwortung.

Oder wenigstens nennt man es so lange Verantwortung, bis die Rechnung kommt.

Die wahre Komik liegt jedoch in der Selbstüberschätzung.

Deutschland bekommt seit Jahren kaum einen Flughafen fertig.

Die Bahn fährt mit der Zuverlässigkeit einer Wettervorhersage aus dem Mittelalter.

Brücken werden gesperrt.

Behörden arbeiten mit Faxgeräten, die teilweise älter sind als ihre Sachbearbeiter.

Aber irgendwo in Berlin scheint man zu glauben, die wichtigste Aufgabe Europas bestehe darin, internationale Telefongespräche zu kontrollieren.

Das ist ungefähr so, als würde der Kapitän der Titanic mitten im Eisfeld eine Arbeitsgruppe zur Optimierung der Speisekarte gründen.

Till Eulenspiegel hätte seine helle Freude daran.

Er würde vor dem Kanzleramt einen Jahrmarkt aufbauen.

Dort gäbe es eine neue Attraktion:
„Das große geopolitische Beichtstuhlzelt.“

Jeder Staatschef müsste eintreten und bekennen:
„Vergib mir, Herr Kanzler, denn ich habe telefoniert.“

„Mit wem?“
„Mit Russland.“

„Wie lange?“
„Zwanzig Minuten.“

„Mein Gott! Zwanzig Minuten?“

„Ja.“
„Und worüber?“
„Über Frieden.“

„RAUS! SOFORT RAUS!“

Anschließend würde eine Expertenkommission zusammentreten, um festzustellen, ob der Gesprächspartner während des Telefonats möglicherweise gelächelt hat.

Denn das wäre natürlich ein schwerer Verstoß gegen die europäische Empörungsordnung.

Die eigentliche Pointe ist jedoch eine andere.
Die Welt besteht aus über 190 Staaten.

Die meisten davon fragen weder Berlin noch Brüssel um Erlaubnis, bevor sie ihre Außenpolitik betreiben.

Sie handeln nach ihren Interessen.
Sie reden mit Freunden.
Sie reden mit Gegnern.
Sie reden mit Konkurrenten.

Und manchmal reden sie sogar mit Menschen, die ihnen nicht gefallen.

Genau das nennt man Diplomatie.

Doch offenbar hält sich ein Teil der politischen Elite inzwischen für den moralischen Platzwart des Planeten.

Und wie jeder Platzwart entwickelt er irgendwann die Überzeugung, der Fußball gehöre ihm persönlich.

Bis eines Tages die Spieler weiterspielen, ohne ihn zu fragen.

Dann bleibt ihm nur noch die Empörung.

Und genau das scheint derzeit das lauteste politische Programm in Berlin zu sein:

Nicht regieren.
Nicht lösen.
Nicht vermitteln.

Sondern beleidigt sein.

Die Welt dreht sich weiter.

Die Staatschefs telefonieren weiter.

Die Diplomatie läuft weiter.

Und irgendwo im Kanzleramt sitzt vermutlich ein Beamter vor einem Telefonbuch und flüstert:
„Warum fragt uns denn niemand mehr um Erlaubnis?“

Till Eulenspiegel hätte darauf nur geantwortet:
„Weil selbst Narren irgendwann merken, dass der Hahn auf dem Misthaufen zwar laut kräht – aber deshalb noch lange nicht die Sonne aufgehen lässt.“



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