Wie können wir mehr Russen töten? – Wenn aus Journalismus plötzlich Beihilfe zur Kriegsbegeisterung wird
Veröffentlicht von Peter Martin in Politik · Dienstag 18 Aug 2026 · 10 Minuten
Ein FAZ-Journalist fragt nicht mehr, wie Europa den Krieg beenden kann, sondern wie es beim Töten effizienter werden könnte. Willkommen in einer politischen und medialen Welt, in der der Tod des Gegners offenbar nicht mehr als Tragödie, sondern als Erfolgskriterium verkauft wird
Die Frage, bei der selbst der Krieg kurz sprachlos wird.
Es gibt Fragen, die Journalisten stellen müssen.
Es gibt Fragen, die Journalisten stellen dürfen.
Und es gibt Fragen, bei denen man sich anschließend fragen muss, ob der Journalismus gerade seine eigene Gebrauchsanweisung verloren hat.
Die Frage des FAZ-Journalisten Michael Martens auf der Pressekonferenz von Aleksandar Vučić und Wolodymyr Selenskyj gehört ziemlich eindeutig zur dritten Kategorie. Martens fragte, was die Europäer konkret tun könnten, um der Ukraine zu helfen, „mehr russische Soldaten zu töten“. Die Formulierung wurde anschließend öffentlich kontrovers diskutiert.
Und damit wären wir dann wohl endgültig bei einer bemerkenswerten neuen Stufe europäischer Debattenkultur angekommen:
Nicht mehr:
Wie beenden wir den Krieg?
Nicht:
Wie verhindern wir weitere Tote?
Nicht:
Wie bringen wir die Kriegsparteien an einen Verhandlungstisch?
Sondern:
Wie können wir dabei helfen, mehr Menschen zu töten?
Na wunderbar.
Europa hat also offenbar einen neuen Friedensplan.
Er heißt: mehr Tote.
Man muss sich diese sprachliche Entgleisung einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Ein Journalist fragt nicht danach, wie Menschenleben gerettet werden können, sondern danach, wie die Zahl der getöteten Angehörigen der gegnerischen Streitkräfte gesteigert werden kann.
Und dann soll man bitte nicht darüber reden?
Doch.
Genau darüber muss man reden.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Das ist eine völlig andere Diskussion.
Die entscheidende Frage lautet:
Was macht ein Krieg mit der Sprache derjenigen, die über ihn berichten?
Denn irgendwo zwischen Raketenreichweiten, Waffenlieferungen, Frontkarten, militärischen Lagebildern und täglichen Verlustmeldungen scheint sich etwas verändert zu haben.
Der Mensch ist verschwunden.
Übrig bleibt die Zahl.
Der Soldat wird zum „Verlust“.
Der Tote wird zum „Erfolg“.
Die zerstörte Einheit wird zur „Abnutzung“.
Und irgendwann sitzt ein Journalist vor laufender Kamera und fragt, wie Europa dabei helfen könne, mehr davon zu produzieren.
Man könnte fast meinen, die Menschheit habe endlich die ultimative Lösung gefunden:
Wenn man nur genügend Menschen tötet, ist irgendwann niemand mehr übrig, der sich über den Krieg beschweren kann.
Was für eine brillante Strategie.
Die moralische Excel-Tabelle des Krieges
Vielleicht brauchen wir deshalb künftig keine Friedenskonferenzen mehr.
Vielleicht reicht eine Excel-Tabelle.
Spalte A:
Russische Soldaten getötet.
Spalte B:
Weitere Waffen benötigt.
Spalte C:
Produktionssteigerung erforderlich.
Spalte D:
Ziel für das nächste Quartal.
Und wenn die Kurve nach oben geht, gibt es vermutlich einen Orden.
Vielleicht noch einen Empfang.
Champagner inklusive.
Denn genau dort liegt die Absurdität einer Sprache, die sich immer weiter vom tatsächlichen menschlichen Leid entfernt.
Der Mensch stirbt.
Die Statistik steigt.
Die Statistik steigt.
Die politische Führung spricht von Erfolg.
Die Medien analysieren den Erfolg.
Und irgendwo sitzt eine Familie und wartet vergeblich auf einen Menschen, der niemals wieder nach Hause kommt.
Das ist der Unterschied zwischen Krieg als abstraktem politischen Ereignis und Krieg als menschlicher Katastrophe.
Wer über Krieg spricht, ohne die Menschen darin noch zu sehen, hat zwar möglicherweise sehr viel über Geopolitik gelernt.
Aber offenbar sehr wenig über Menschen.
Journalismus ist kein Cheerleaderverein für militärische Tötungsquoten
Natürlich darf ein Journalist fragen, wie Waffen funktionieren.
Natürlich darf er fragen, welche Waffen die Ukraine benötigt.
Natürlich darf er fragen, wie Russland militärisch geschwächt werden kann.
Natürlich darf er die militärische Unterstützung der Ukraine befürworten.
Und natürlich darf er einen Angriffskrieg klar verurteilen.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Analyse militärischer Notwendigkeiten und der sprachlichen Formulierung eines Wunsches nach mehr getöteten Menschen.
Dieser Unterschied sollte eigentlich nicht erklärt werden müssen.
Er ist der Unterschied zwischen:
„Wie kann die Ukraine sich verteidigen?“
und
„Wie können wir helfen, mehr Menschen zu töten?“
Das eine ist eine politische und militärische Frage.
Das andere ist eine Formulierung, die den Tod selbst zum gewünschten Ergebnis erklärt.
Und genau deshalb ist diese Frage journalistisch interessant.
Nicht weil man daraus irgendwelche unbelegten Behauptungen über die persönliche Gesinnung des Fragestellers konstruieren müsste.
Sondern weil sie etwas sichtbar macht, das inzwischen viel größer ist als eine einzelne Pressekonferenz:
die zunehmende Normalisierung des Tötens in der politischen Sprache.
Wir Europäer? Wer ist eigentlich „wir“?
Besonders interessant ist dabei das kleine Wort:
„Wir“.
Wir Europäer.
Ach ja?
Wer genau ist dieses „wir“?
Die europäischen Regierungen?
Die EU-Kommission?
Die NATO?
Die deutschen Steuerzahler?
Die europäischen Bürger?
Die Rentner?
Die Familien?
Die jungen Männer, die irgendwann möglicherweise selbst Uniform tragen sollen?
Oder die Journalisten, Politiker und Strategen, die über Krieg reden, während andere die Rechnung bezahlen?
Das Wort „wir“ ist politisch ausgesprochen praktisch.
Mit „wir“ kann man nämlich wunderbar kollektiv Verantwortung übernehmen, ohne anschließend erklären zu müssen, wer eigentlich konkret dafür geradesteht.
Wir müssen mehr Waffen liefern.
Wir müssen mehr Geld bereitstellen.
Wir müssen Russland weiter unter Druck setzen.
Wir müssen die Ukraine unterstützen.
Wir müssen durchhalten.
Wir müssen eskalationsfähig werden.
Und irgendwann heißt es vielleicht:
Wir müssen unsere eigenen Söhne schicken.
Dann könnte aus dem majestätischen „Wir“ plötzlich wieder ein ziemlich kleines „Ich“ werden.
Denn diejenigen, die am lautesten über militärische Notwendigkeiten sprechen, sitzen nicht notwendigerweise dort, wo die Kugeln einschlagen.
Das ist die wunderbare Eigenschaft geopolitischer Rhetorik:
Sie ist besonders leicht, wenn man sie nicht selbst bezahlen muss.
Europa und seine historische Gedächtnislücke
Und dann wäre da noch Europa.
Dieser Kontinent, der sich so gerne auf seine historische Verantwortung beruft.
Europa kennt Verdun.
Europa kennt Stalingrad.
Europa kennt die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.
Europa kennt Auschwitz.
Europa kennt Dresden.
Europa kennt die Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs.
Europa kennt Flüchtlingstrecks, zerstörte Städte, Hunger, Vergewaltigung, Verstümmelung und die Generationen von Kindern, die ohne ihre Väter aufwuchsen.
Europa kennt die industrielle Perfektion des Tötens.
Und gerade deshalb sollte man bei der Sprache besonders vorsichtig sein.
Denn die Geschichte der großen Katastrophen beginnt nicht immer mit dem ersten Schuss.
Sie beginnt häufig früher.
Mit der Sprache.
Mit der Einteilung der Menschen in „wir“ und „sie“.
Mit der Erklärung, dass die anderen weniger wert seien.
Mit der Behauptung, der Tod der anderen sei notwendig, unvermeidlich oder sogar wünschenswert.
Dann wird aus dem Menschen ein Feind.
Aus dem Feind ein Ziel.
Aus dem Ziel eine Zahl.
Und aus der Zahl ein Erfolg.
Das ist keine neue Erkenntnis.
Das ist eine der ältesten Mechaniken menschlicher Kriegsführung.
Neu ist nur, dass wir inzwischen über hochauflösende Satellitenbilder verfügen, während unsere moralische Auflösung offenbar gleichzeitig immer schlechter wird.
Der Soldat als Mensch ist politisch offenbar störend
Ein toter russischer Soldat ist zunächst einmal ein militärischer Gegner.
Das ist völkerrechtlich relevant.
Aber er ist gleichzeitig ein Mensch.
Vielleicht war er Sohn.
Vielleicht Vater.
Vielleicht Ehemann.
Vielleicht Bruder.
Vielleicht jemand, der überhaupt nicht freiwillig in diesem Krieg sein wollte.
Vielleicht jemand, der glaubte, sein Land verteidigen zu müssen.
Vielleicht jemand, der Angst hatte.
Vielleicht jemand, der sterben wollte.
Vielleicht jemand, der einfach nur wieder nach Hause wollte.
Wir wissen es nicht.
Und genau deshalb ist es so gefährlich, Menschen ausschließlich über ihre militärische Funktion zu betrachten.
Denn wenn der Mensch aus dem Bild verschwindet, wird das Töten leichter.
Das war schon immer so.
Man muss den Gegner zuerst sprachlich entmenschlichen, bevor man ihn problemlos töten kann.
Und wenn man ihn nicht entmenschlicht, sondern nur noch statistisch abstrahiert, funktioniert es genauso gut.
Die große politische Verwechslung
Eine weitere Verwechslung muss dringend beendet werden:
Militärische Notwendigkeit ist nicht dasselbe wie menschliche Wünschbarkeit.
Ein Staat kann sich militärisch verteidigen müssen.
Eine Armee kann einen gegnerischen Angriff stoppen müssen.
Ein Soldat kann einen gegnerischen Soldaten bekämpfen.
Das alles gehört zur Realität des Krieges.
Aber daraus folgt nicht, dass der Tod des Gegners zu einer moralischen Wunschvorstellung werden muss.
Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt:
Der Gegner muss militärisch gestoppt werden.
oder:
Wie können wir helfen, mehr Gegner zu töten?
Das ist nicht bloß ein Unterschied in der Wortwahl.
Das ist ein Unterschied in der geistigen Haltung.
Und genau darüber sollte Journalismus sprechen.
Vielleicht wäre eine andere Frage viel mutiger gewesen
Man stelle sich vor, Martens hätte gefragt:
„Was können wir Europäer konkret tun, damit möglichst viele Menschen diesen Krieg überleben?“
Das wäre doch einmal eine interessante Frage gewesen.
Vielleicht sogar eine wirklich radikale.
Denn dann hätte man über Dinge reden müssen, die im Krieg schnell als Schwäche verkauft werden:
Diplomatie.
Verhandlungen.
Waffenstillstand.
Gefangenenaustausch.
Sicherheitsgarantien.
Kompromisse.
Territorialfragen.
Internationale Vermittlung.
Und vor allem:
Friedensbedingungen.
Das ist natürlich komplizierter als die Produktion von Waffen.
Und es ist erheblich komplizierter als das moralisch bequeme Erzählen von „Gut gegen Böse“.
Denn Frieden ist unbequem.
Krieg ist rhetorisch einfacher.
Im Krieg kann man den Gegner dämonisieren.
Im Frieden muss man mit ihm reden.
Im Krieg kann man schießen.
Im Frieden muss man zuhören.
Im Krieg kann man die Frontkarte zeigen.
Im Frieden muss man erklären, warum die Menschen morgen nicht mehr aufeinander schießen sollen.
Und deshalb ist Frieden möglicherweise die viel anspruchsvollere politische Leistung.
Der eigentliche Skandal ist nicht die Frage eines einzelnen Journalisten
Man kann sich jetzt wochenlang über Michael Martens aufregen.
Man kann ihn verteidigen.
Man kann ihn kritisieren.
Man kann seine Frage als provokant bezeichnen.
Man kann sie als geschmacklos bezeichnen.
Man kann sie als symptomatisch bezeichnen.
Aber damit ist die eigentliche Frage noch lange nicht beantwortet.
Denn die viel größere Frage lautet:
Warum ist eine solche Frage überhaupt denkbar geworden?
Warum ist es inzwischen möglich, öffentlich über die Steigerung gegnerischer Todeszahlen zu sprechen, ohne dass der gesamte Raum sofort in moralisches Schweigen verfällt?
Warum wird militärische Härte so häufig mit politischer Vernunft gleichgesetzt?
Warum wird Friedensbereitschaft so schnell mit Naivität verwechselt?
Warum wird derjenige, der mehr Waffen fordert, als Realist bezeichnet, während derjenige, der nach einem Ende des Sterbens fragt, plötzlich als „Putin-Versteher“ abgestempelt werden kann?
Und wann genau haben wir beschlossen, dass mehr Tote automatisch mehr Realismus bedeuten?
Vielleicht sollten wir endlich wieder über Menschen reden
Es geht nicht darum, Russland reinzuwaschen.
Es geht nicht darum, den russischen Angriffskrieg schönzureden.
Es geht nicht darum, die Ukraine ihrer Selbstverteidigung zu berauben.
Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres:
Um die Frage, ob wir das Töten wieder normal finden wollen.
Denn wenn der Tod des Gegners zum gewünschten politischen Ergebnis wird, haben wir eine gefährliche Grenze überschritten.
Dann geht es irgendwann nicht mehr darum, einen Krieg zu beenden.
Dann geht es darum, den Gegner so lange zu vernichten, bis einer übrig bleibt.
Das ist keine Friedensstrategie.
Das ist eine Abrechnung mit menschlichen Körpern.
Und genau hier sollte Journalismus eigentlich seine wichtigste Aufgabe erfüllen:
Nicht den Krieg rhetorisch größer machen.
Sondern die Wirklichkeit sichtbar machen.
Nicht die Zahl der Toten feiern.
Sondern erklären, was diese Zahl bedeutet.
Nicht fragen, wie man mehr Menschen töten kann.
Sondern fragen, warum Europa noch immer nicht alles daransetzt, möglichst viele Menschen am Leben zu lassen.
Der letzte Sarkasmus bleibt uns vielleicht noch
Vielleicht sollten wir die europäische Außenpolitik künftig ganz ehrlich umbenennen.
Nicht mehr:
„Friedens- und Sicherheitspolitik“.
Sondern:
„Europäisches Programm zur Optimierung gegnerischer Verluste“.
Das klingt wenigstens ehrlich.
Und wenn man schon dabei ist, könnte man auch gleich eine neue Statistik einführen:
Tote Gegner pro Milliarde Euro Waffenhilfe.
Dann hätte endlich jeder seinen Erfolgsausweis.
Die Politiker könnten applaudieren.
Die Militärs könnten PowerPoint-Präsentationen erstellen.
Die Journalisten könnten Balkendiagramme kommentieren.
Und irgendwo weit weg von den Redaktionsstuben und Ministerien würden wieder Menschen begraben werden.
Aber keine Sorge.
In der Statistik steht dann ja nur:
„1.“
Oder:
„10.000.“
Oder:
„100.000.“
Eine Zahl.
Kein Mensch.
Kein Vater.
Keine Mutter.
Kein Sohn.
Keine Tochter.
Keine Familie.
Nur eine Zahl.
Und genau deshalb sollte die Frage des FAZ-Journalisten nicht einfach als geschmackloser Ausrutscher behandelt werden.
Sie ist ein Anlass, über die Sprache des Krieges nachzudenken.
Über die Verantwortung des Journalismus.
Über die politische Kultur Europas.
Und über eine Gesellschaft, die dringend aufpassen muss, dass sie nicht irgendwann den Unterschied zwischen „einen Krieg gewinnen“ und „möglichst viele Menschen töten“ vergisst.
Denn eines sollte selbst im Krieg noch gelten:
Ein getöteter Mensch ist kein journalistischer Erfolg.
Er ist ein toter Mensch.
Und wenn wir das vergessen, haben wir vielleicht tatsächlich etwas gewonnen.
Nur leider nicht unsere Menschlichkeit.
